aus "Der Traum des Leuchtturmwärters"

von Sergio Bambaren

© 2002 Piper Verlag GmbH, München

 

Nie werde ich vergessen, wie ich zum ersten Mal einen Leuchtturm sah.

Ich war damals ein Kind von fünf oder sechs Jahren und machte große Augen vor Ehrfurcht. Dieser Wächter am Rande der Klippen, der Schiffe und erschöpfte Matrosen sicher durch tückische Gewässer führte, sprach sofort mein Herz an. 

 

Wie konnte ein einzelnes Licht für so viele Menschen von so großer Bedeutung sein?Wie konnten so viele Menschen diesem Licht und jenen vertrauen, die darüber wachten?

 

Wenn ich heute, als Erwachsener, Leuchttürme betrachte, verstehe ich, warum mich diese wundervollen Warntürme stets so fasziniert haben. Ich bin tief beeindruckt von dem gleißenden Lichtstrahl und dem Zweck, den er erfüllt: Schiffe und ihre Besatzungen zu leiten. Bei Regen und Sturm, bei Nebel und Sturm – das Licht ist immer da, hinter der Glaslinse und der Glaswand, die das Licht bündeln und weit hinaustragen.

Trotzdem strahlt das Licht erst dann heller, wenn es die gläserne Wand durchbrochen hat. 

 

Solche Wände stellt das Leben auch vor uns auf. 

Gläserne Wände. Sie sind überall. Wir können sie nicht sehen, aber wir wissen, dass sie da sind. Sie machen den Weg zu unserer Bestimmung noch steiniger, noch schmerzlicher. Könnten wir die einengenden Grenzen überschreiten, würden wir im helleren Licht stehen und alles ganz klar sehen, dann würden wir die Wahrheit erkennen, wie sie wirklich ist: nackt und wunderbar.

Leichter gesagt als getan.

 

Und doch gibt es die gläsernen Wände nur in unseren Köpfen und in unseren Herzen.

Indem die Welt immer mehr zusammenwächst und erfundene Grenzen durch die Globalisierung an Bedeutung verlieren, können wir merken, dass der beste Weg, unser wundervolles Abenteuer Leben zu genießen, Ehrlichkeit mit uns selbst ist. Wir können es schaffen, wir selbst zu sein, unseren Überzeugungen zu vertrauen und sie mit anderen zu teilen; wir können das Leben, das wir uns erträumten, ans Licht bringen. Und uns von den Ketten befreien, die wir einzig und allein in unseren Köpfen und in unseren Herzen tragen.

 

Wir können wie Leuchttürme sein, deren Strahl die gläserne Wand durchdringt und zur Wahrheit führt.